„Liebe Lisa“ – ein Brief

Briefe sind schön. Und ehrlich. Man hat Platz und kann seine Gedanken anders als beim Instant Messaging ausarbeiten: ein fiktionaler Brief an eine Freundin.

Liebe Lisa,

weißt du noch, als wir uns vor einigen Jahren, als du in Amerika zur Schule gegangen bist, ein paar wenige Briefe geschrieben haben? Die Adresse deiner Gastfamilie liegt noch heute unter der Unterlage auf meinem Schreibtisch. Und auch deine Briefe müssten sich noch in den Tiefen meiner Schubladen befinden und wenn ich sie herausholen würde, wäre ich wahrscheinlich entsetzt, für welche Banalitäten wir diese Briefe um die halbe Welt schifften. Aber gerade eben ist mir in den Sinn gekommen, wie ehrlich und schön Briefe doch eigentlich sind und wie viel Platz sie bieten im Gegensatz zu einer Postkarte.

Ich beginne mit dem Briefeschreiben dort, wo ich aufgehört habe.

Ich habe wahrscheinlich gerade einen Anflug von Sentimentalität, anders kann ich es mir nicht erklären, wieso ich dir einen Brief schicken möchte, wenn wir doch Whatsapp, Facebook und Skype zur Verfügung haben. Um nicht vom Thema abzukommen: Mir ist der Gedanke gekommen, dass der letzte, richtige Brief, den ich geschrieben habe, wahrscheinlich einer von diesen war, die ich dir nach Amerika schickte. Und wieso sollte ich nicht dort beginnen, wo ich aufgehört habe – und in diesem Anflug von Sentimentalität plötzlich wieder anfange, Briefe zu schreiben wie zu Goethes Zeiten. Und eigentlich ist es schade, dass wir die Handschriften unserer engsten Freunde nicht mehr kennen lernen und wenn ich darüber nachdenke, erinnere ich mich an eine Situation, als ich die Handschrift meines Partners das erste Mal gesehen habe. Er schrieb noch immer Schreibschrift, wie wir damals in der Grundschule, was allgemein sehr krakelig aussieht, aber es war ein Charakteristikum, das ich noch nicht von ihm kannte, obwohl ich doch schon so viel Zeit mit ihm verbracht hatte und meinte, beinahe alles über ihn zu wissen. Und da wären wir auch schon an dem Punkt, wieso ich mich für diesen Brief eigentlich entschuldigen muss. Nicht, weil ich dir damit einige Minuten deines Lebens rauben werde, und ich weiß, dass du diese Zeit auch sehr viel besser nutzen könntest, sondern weil dieser Brief nicht handgeschrieben ist. Ich könnte mich jetzt herausreden, indem ich dir sage, dass ich nur karierte Din-A5-Blätter hier habe, die diesem Brief nicht gerecht wären, aber um ehrlich zu sein, geht es am Computer nun einfach schneller. Und auch wenn das heißt, dass dieser Brief nur halb so persönlich ist, wie es eigentlich der Fall sein sollte, hoffe ich, dass meine Gedanken umso lebendiger erscheinen, wenn du sie liest. Und nachdem ich nun diesen ellenlangen Einleitungsabsatz geschrieben habe, fragst du dich vielleicht, wann ich denn nun endlich zum Punkt komme oder dir etwas erzähle, in dem du einen Mehrwert siehst. Die Sache ist, dass ich diesen Brief nicht schreibe, um dir etwas von meinem Leben hier zu vermitteln, sondern aus einer Laune heraus, um des Schreibens Willen sozusagen.

Einen Brief zu schreiben ist ein Prozess, bei dem dir auch Gedanken kommen, die du wieder verwerfen musst.

Komisch, war das letzte, was du zu mir sagtest. Das heißt, du sagtest es nicht einmal, es war nur eine Nachricht auf Whatsapp und darauf wollte ich eigentlich hinaus. Meine Gedanken springen gerade von einem Punkt zum nächsten, in einer Schnelligkeit, wie ich sie noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Es scheint, als möchte all das Wissen, das ich seit meiner Geburt angesammelt habe, plötzlich herausgeschrien werden und weil ich nicht ständig jemanden zutexten kann mit all den verschiedenen Gedanken, die ich habe, bin ich fast ununterbrochen am Schreiben, wenn ich alleine bin. Allein im Prozess dieses Briefes kamen mir so viele Gedanken, die ich wieder verwerfen musste, um dich nicht zu langweilen, dass ich wahrscheinlich nie die Zeit finden werde, um sie alle aufzuschreiben. Einer dieser Gedanken war, dass auch Kafka eine ähnliche Ansicht zu Handschriften hatte wie ich. Er schrieb seine literarischen Texten zu Lebzeiten nur von Hand, während er bei Geschäftsbriefen immer zur Schreibmaschine griff, um die Worte möglichst anonym und die damit einhergehende Verantwortung möglichst klein zu halten. Um mich kurz zu fassen, er hatte ein großes Problem damit, für seine Arbeit geradezustehen, nicht für seine literarischen Werke, sondern für seine Arbeit als Versicherungsbeamter. Das maschinelle Schreiben war für ihn daher eine große Erleichterung, weil er nicht zu viel von sich selbst in einen Geschäftsbrief offenbaren musste – und das meine ich, wenn ich sage, dass die Handschrift doch ein großes Charakteristikum eines jeden Menschen bietet, wir dies heute nur leider vergessen haben, weil wir keine Briefe mehr schreiben.

Ich habe das große Ganze aus den Augen verloren.

Derartige Exkurse finden in meinem Kopf gerade zu oft statt, eigentlich sind es nur noch Exkurse, ich habe das große Ganze aus den Augen verloren und das ist etwas, das man wohl als komisch bezeichnen könnte. Im Moment aber ist es wie eine kleine Offenbarung für mich, weil ich mein Wissen miteinander vernetzen kann und ich plötzlich Parallelen zwischen Dingen sehe, die mir ohne diese Exkurse niemals gekommen wären. Die Folge davon ist dieser Schreibfluss, den du vielleicht auch hier anhand meiner Sprache wahrgenommen hast, die so anders ist als in Text- und Sprachnachrichten auf Whatsapp. Denn dort ist es immer eine mühsame Sache, seine Gedanken möglichst kurz und präzise zu tippen, aber hier in einem Brief hat man nun einmal Platz – und deshalb kann ich mir auch den Luxus erlauben, diese Exkurse hier anzubringen. Nichtsdestotrotz sollte man die Zeit und Geduld seines Leser nicht überstrapazieren, weshalb ich zum Ende kommen sollte. Denn schließlich möchte ich niemandem das Gefühl geben, wie es unsere Lehrer immer am Ende des Unterrichts taten, wenn der Gong zur Pause schon ertönt war und wir schon auf dem Sprung waren, sie aber riefen: „Ich beende den Unterricht.“ Diese Sekunden entschieden darüber, wie lange man am Pausenverkauf anstehen musste oder ob man einen Lehrer noch erwischte, bevor er in den Tiefen des Lehrerzimmers verschwand. Und so verstrichen die Sekunden für uns als Schüler wie sie jetzt wohl für den Leser verschwinden, daher bleibt mir nichts anderes übrig als zu sagen: „Der Unterricht ist hiermit beendet.“

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