Zu meiner Verteidigung

Das Internet rauscht. Der User filtert Informationen. Ein Blog mag dadurch sinnlos scheinen, ist aber Teil eines Prozesses.

In einer seiner Erzählungen beschreibt Franz Kafka die Entwicklung der chinesischen Mauer, die aus unzähligen Teilbauten bestand. Grund dafür, die vielen Tagelöhner nicht Tag für Tag an einer Mauer arbeiten zu lassen, war, dass sie die Vervollständigung nicht einmal erlebt hätten. Sie wären verzweifelt gewesen und hätten ihre Arbeit für wertlos gehalten, da es unmöglich gewesen wäre, das Ziel der Führerschaft zu erreichen. Stattdessen konnten sie innerhalb von wenigen Jahren einen Teilbau beenden und andere Teilbauten besichtigen, mit dem Wissen, dass, sobald die Lücken geschlossen wären, einmal etwas großes Ganzes daraus entstehen würde. Diesen Blick hätten sie nicht, wenn sie ihr Leben lang Mauerstein an Mauerstein gefügt hätten. Doch dieser Text soll nicht von Kafkas erzählerischem Geschick handeln, über das Aufsätze geschrieben wurden, die aneinandergereiht wohl die Länge der chinesischen Mauer ausmachen würden; es soll auch nicht um Literatur in ihrer Gänze gehen, ein Thema, zu dem ich ebenso lange Aufsätze schreiben könnte.

Vielmehr ist dies meine Verteidigung, die man heute schon benötigt, wenn man einen Blog startet. In diesem großen Ganzen namens World Wide Web, welche Berechtigung habe ich noch etwas hinzufügen zu wollen? Meine Stimme ist nur ein Teil des Rauschens, das meine Generation gewohnt ist, zu filtern, um an die Information zu gelangen, die sie benötigt.

To find a form that accomodates the mess, that is the task of the artist now. – Samuel Beckett

So sehr die chinesische Führerschaft jeden einzelnen Arbeiter benötigt hat, so sehr benötigen auch wir verschiedene Stimmen, um etwas überhaupt als etwas Ganzes wahrzunehmen. Die Bedeutung etwas Einzelnes wird uns erst durch die Bedeutungslosigkeit des Anderen in seiner Masse bewusst. Diese anderen Stimmen sind deshalb aber nicht unnötig, auch sie haben ihre Berechtigung, wenn auch nur als Teil, das ein persönliches Rauschen ausmacht.

Egal ob es die verschiedenen Medien sind, die eine Neuigkeit überbringen oder ob es verschiedene Unikurse sind, die uns Bildung als Ganzes vermitteln, etwas größere Bedeutung beimessen, als es in seiner Individualität tatsächlich hat, ist nur möglich, wenn es verschiedene Stimmen gibt, die unweigerlich zu einem Rauschen führen. Roland Barthes‘ Rauschen der Sprache war dabei nur eine Utopie. Er fand sie jedoch erfüllt in dem Geräusch einer Menge chinesischer Kinder, die alle auf der Straße laut aus unterschiedlichen Büchern vorlasen. Mag es Zufall sein oder auch nicht, es scheint, als ob China eine Nation wäre, die das Rauschen, das Barthes noch als Utopie betrachtete, schon längst in meinem Sinne interpretiere.

In dubio pro res

Dieser Blog bietet meiner Stimme dabei die beste Plattform, um mich in das Rauschen einzufügen. Mit dem Schreiben und Veröffentlichen tue ich nichts anderes, als eines der laut vorlesenden Kinder zu sein – mit dem Unterschied, dass ich meinen eigenen Text lese. Meine Stimme mag dabei sicherlich für die meisten Menschen in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, wie die einzelnen Texte der Kinder für Barthes. Würde er chinesisch beherrschen, wäre er aber vielleicht in der Lage, sich auf eine Stimme zu konzentrieren. So, wie vielleicht auch ein Leser meine Stimme herausfilterte und zu diesem Text gelangte.

Man frage mich also, wovon ich oder dieser sowie alle folgenden Texte denn nun ein Teil sind. Des Internets? Der Kunst? Des Storytellings? Oder ist dieser Blog nur ein Teil meiner Geschichte, meines Erzählens oder meines persönlichen Wachstums? Lassen wir dies für den Beginn dieses Prozesses die Hermeneutiker beantworten, sofern möglich. Die richtigen Fragen zu stellen, ist jedoch ein guter Einstieg. Antworten zu wissen dagegen nur ein Nebelscheinwerfer. Während dessen elektromagnetische Wellen auf Wassertropfen treffen und den Nebel damit erst sichtbar machen, deckt die scheinbare Fähigkeit, Antworten geben zu können, erst die Unkenntnis des Antwortenden auf. Fragen sollen deshalb jedoch nicht immer unbeantwortet bleiben. Sie sollen, wie auch dieser Blog, eine Anregung sein. Zum Nachdenken, Andersdenken, Lauterdenken.