Kulturschock

Ob in Dublin oder München, Statisten gibt es überall. Begleitet mich in der ersten Hälfte eines Tages, der voll mit eigenartigen Szenarien war.

Das Erschreckendste, was du in München sehen wirst, sind die Bierleichen auf der Wiesn. Doch selbst diese Gestalten wirken nur wie Statisten im schönen, sauberen München. Solange sie friedlich am Kotzberg ihren Rausch ausschlafen, werden sie grinsend toleriert und vielleicht beim Torkeln gefilmt. Selbst in Münchens abgelegene Viertel, deren Ruf ihnen vorauseilt, wirst du bis auf ein paar hässliche Wohnblöcke, spielende Kinder mit einer etwas dunkleren Hautfarbe als der durchschnittliche Schickeria-Münchner nach einem Sonntagssonnenbad im Englischen Garten und rauchende, ergraute, jogginghosentragende Herren mit einer Netto-Tüte in der Hand, deren Inhalt verdächtig nach braunen, kronkorkentragenden Bierflaschen klingt, nichts eigenartigeres sehen.

Sofern du kein Münchner Kindl bist, wirst du kaum einen Klassenunterschied an den Münchnern bemerken. Hartzvierler tragen Louis-Vuitton-Taschen genauso wie Unternehmerfrauen Leggings tragen und umgekehrt. Wer glaubt, Michael Kors und MCM stehen für die oberen 10.000 in München, irrt.

Klassenunterschiede mögen für viele offensichtlicher sein als für eine naive Münchner Studentin, doch reflektiere ich jenen Tag, bleibt mir nichts anderes übrig, als mir Vertrautes damit zu vergleichen.

Es begann im Zug mit einem jungen Pärchen mir gegenüber: beide übergewichtig, beide schief stehende Zähne, beide in fragwürdigem Aufzug. Durch ihren starken Soziolekt verstand ich kaum, was sie sagten, doch es ging wohl zunächst darum, was die junge Frau einem anderen Mann schreiben sollte. Sie sprachen weder laut, noch gab es eine hitzige Diskussion, doch wenige Sekunden nachdem der Mann etwas in das Handy der Frau eingetippt und offensichtlich abgeschickt hatte, flossen stumme Tränen über ihre Wangen. Sie vergrub ihr Gesicht auf ihren verschränkten Armen und weinte geräuschlos vor sich hin. Der Blick des Mannes war auf sie gerichtet, doch zeigte es weder Mitleid noch Wut, es war unmöglich für mich es zu lesen. Doch schon bald umarmte er stumm seine Freundin und zog sie sanft in die Kuhle unter seiner Achsel, woraufhin sie beruhigt ihren Kopf auf seiner Brust ablegte. Dieses Szenario geschah auf einer Zwei-Stunden-Zugfahrt mehrere Male, wobei der Auslöser zunehmend seine Worte waren, die ich selbst mit voller Aufmerksamkeit und Lippenlesen nicht verstand. Es war eine derartig eigenartige Situation, dass alles um mich herum nur noch unwirklicher schien.

Kurz bevor sie den Zug verließen, kaufte der Mann eine kleine Packung Pringles für seine Freundin, obwohl sie selbst beim fünften und sechsten Mal Nachfragen den Kopf geschüttelt hatte. Er öffnete die Schachtel und hielt drei Chips direkt vor ihr Gesicht, doch sie starrte ihn nur an und schüttelte den Kopf ein weiteres Mal. Wenige Sekunden später fing sie wieder zu weinen an und versank auf ihren verschränkten Armen, während ihr Freund versuchte, gewaltlos ein paar Chips in ihre Höhle zwischen Tisch, Arm und Gesicht zu schieben – ohne Erfolg, jedoch mit dem Ergebnis von zerbrochenen, bröselnden Chips. Noch bevor der Zug in Dublin Heuston zum Stehen kam, standen die beiden auf und verließen so schnell ihre Sitze, wie sie sie am Anfang eingenommen hatten. Ich dagegen benötigte ein wenig Zeit und kalte Luft, um meine Gedanken über das Szenario beiseite zu schieben.

Es zog sich weiter in eine kleine Seitenstraße, die ich vom Bahnhof zum Bus entlang gehen musste und rar bevölkert war… Hier geht es zur zweiten Hälfte jenes Tages.

 

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