Kulturschock – Die zweite Hälfte des Tages

Ein Mann auf den Tramgleisen, Dosen auf der Straße und rohes Fleisch im Schaufenster – dies war die zweite Hälfte eines Tages voller, eigenartiger Szenarien.

Es zog sich weiter in eine kleine Seitenstraße, die ich vom Bahnhof zum Bus entlang gehen musste und rar bevölkert war. Circa fünfzig Meter vor mir auf der anderen Straßenseite ging ein Mann mit einer gefüllten Plastiktüte in der Hand in meine Richtung. Einen Moment später sackte er zusammen und rollte vom Gehweg auf die Straße – ausgerechnet auf die Trambahnlinien.

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Der Inhalt seiner Tüte rollte und klirrte auf den Gleisen. Kein Filmregisseur hätte dies besser hingekriegt, doch die Dosen und Wodkaflaschen waren hier nicht nur Requisite. Ich lief auf den Mann zu, der sich gerade auf den Rücken drehte und mich ohne jeglichen Ausdruck im Gesicht anschaute. Drogen waren im Spiel, das erkannte sogar das weiße Mädchen aus Münchens Nordwesten. Er muss von den Gleisen runter, war alles, was mir mein Gehirn in diesen Sekunden mitteilte. Grund hierfür war wahrscheinlich weniger die Angst, dass ein Trambahnfahrer nicht bremsen würde, sondern mehr mein ausgeprägtes, deutsches Ordnungsverhalten. Eine ganze Tram mit beschäftigten Leuten dürfe nicht vom Zeitplan abkommen, nur weil ein Mensch in dieser Millionenstadt die Gleise als neue Raststätte auserkoren hatte. Verunsichert schaute ich mich um. Ich würde den Mann, so groß wie ich, dafür aber schwerer, nicht von selbst auf den Gehweg heben können. Ich reichte ihm meine Hand, aber er bewegte sich nicht einmal wenige Zentimeter und schaute mich nur verloren an. Der Blick eines Kindes traf mich. Leer und ausdruckslos, dafür naiv genug zu glauben, dass ein guter Mensch vor ihm steht, der es zurückbringen würde, wo es hergekommen war.

Ich redete auf den Mann ein. Erst später fiel mir auf, dass es die Stimme und Worte waren, die ich auch für ein Kind benutzen würde. Doch sein Blick blieb weiter ausdruckslos auf mich gerichtet, was ich als gutes Zeichen verstand, denn das hieß immerhin, dass er mich und seine Umwelt wahrnahm. In dem Augenblick, in dem ich gerade überlegte, wie ich am schnellsten Hilfe holen konnte, kam ein anderer Mann auf uns zu und meinte, ebenfalls mit einer ruhigen und langsamen Stimme wie die eines besorgten Vaters, er müsse von den Gleisen runter und solle sich keine Gedanken um die Dosen machen, die wir später aufsammeln könnten. Er griff unter seine rechte Achsel, ich versuchte ihn an seinem rechten Oberarm hochzuziehen, aber der Mann war nicht einmal mehr fähig seine Beine aufzustellen. Sie fielen wie die Beine einer Baumwollpuppe im Neunzig-Grad-Winkel schlapp nach unten und boten ihm keinen Halt mehr, daher machten wir eine halbe Umdrehung, so dass zumindest sein Oberkörper und Po auf dem Gehweg lagen. Seine Beine schoben wir hinterher, weg von der Fahrbahn. Während wir nun seine Dosen um ihn herum auf den Gehweg stellten und seine Wodkaflaschen zurück in die Plastiktüte rollten, grummelte der Mann ein wenig vor sich, machte sonst aber keine Anstalten sich von seinem neuen Sitz auf dem Gehweg wegzubewegen.

Ich spürte eine klebrige Flüssigkeit an meinen Fingern und ermahnte mich bloß nirgends in mein Gesicht oder an meinen Mund zu fassen, um kein Risiko mit Bakterien einzugehen – was für einen Durchschnittsbürger lächerlich klingen mag, in diesem Stadtteil aber durchaus berechtigt schien.

Der Mann schaffte es liegend auf seinem Bauch zu landen. Seine Stirn lag fast komplett auf dem Kopfsteinpflaster auf und seine Position sah zunehmend unnatürlich aus – sogar für einen unter Drogen stehenden Menschen. Der Mann, der mir wenige Sekunden zuvor geholfen hatte, verschwand mit einem sorglosen „Okay Buddy, take care!“ in Richtung Bahnhof. Und auch ich machte einige Schritte weiter, jedoch ohne meinen Blick von dem Mann zu wenden. Dies geschah so schnell und ohne jegliche Aufruhr von irgendwem, dass der Gedanke, die Polizei oder Sanitäter zu rufen, zu schnell verflog. Ich hatte keine Möglichkeit den anderen Mann zu fragen, was man in solchen Situationen in Dublin denn tun würde. Doch er schien sich keine weiteren Gedanken über einen Druggie am helllichten Tag mitten unter der Woche zu machen, obwohl er am Anfang doch sehr besorgt und hilfsbereit aussah. Seine Unbesorgtheit steckte mich an. Ich dachte mir, der Mann könne friedlich auf dem Gehweg ausschlafen, denn es sah nicht danach aus, als ob er in der Lage wäre in den nächsten Minuten oder sogar Stunden wieder aufzustehen. Und obwohl ich mir eben noch Gedanken machte, ob wir ihn hier ihm selbst überlassen konnten, dachte ich ebenso, dass er nicht mein Problem wäre – was reflektiert sehr egoistisch klingen mag, in den Augen eines Dubliners aber ganz normal sei, wie ich später an jenem Tag von meinem irischen Mitbewohner bestätigt bekam. Die Sonne schien, es war nicht allzu kalt und da der Mann wohl schon längst in einen tiefen Schlaf gefallen war, entschied ich mich endgültig, weiter in Richtung Heimat aufzubrechen.

Meine Sinne waren gedämpft von dem Geschehen wenige Minuten zuvor. Ich bahnte mir meinen Weg durch Marktschreier, Kinderwägen und einkaufende Omas. Erst jetzt in der Retroperspektive erinnere ich mich an das Viertel, das so überhaupt nicht zu vergleichen ist mit Münchens schlimmsten Wohnblöcken. Die Gesichter waren schmal und eingefallen oder dick und aufgeblasen. Es gab kein Dazwischen. Alles schien grau, schmutzig und billig. Ich sah rohes Fleisch in einem Schaufenster, Fidget Spinner zum Sonderpreis im nächsten. Obwohl das einzig Teure an mir wahrscheinlich meine alten Hundert-Euro-Nikes und mein Achtzig-Euro-Tagesrucksack waren, fühlte ich mich sehr auffällig – auch weil ich die meisten Männer dort um einige Zentimeter überragte. Das Viertel schrie förmlich nach Tabak, Drogen und Alkohol, nach ungenügender Hygiene und mangelnder Krankenversicherung, nach vernachlässigter Aufsichtspflicht von den spielenden Kindern auf der viel befahrenen Straße und nach einem Überhandnehmen von Glücksspiel und Wetten auf Pferde- sowie Hunderennen. Von Bitcoin hatte hier sicherlich noch keiner gehört, und weiter als über Dublin Heuston waren wohl auch die wenigsten gekommen.

Ich setzte meinen Weg fort, vermied jeglichen Augenkontakt und entfloh schnellen Schrittes dem tristen Dunst jenes Viertels. Je näher ich zu St. Patrick’s kam, desto gesunder fühlte ich mich plötzlich. Farben schienen wieder freundlich und natürlich, selbst die Vögel jauchzten auf eine andere Weise. Sobald ich Cork Street am Merchants Quay überquerte, befand ich mich wieder in jenem Dublin 8, das mir vertraut und heimisch war. Den Weg zu Fuß zu oder von Dublin Heuston würde ich in Zukunft wohl eher meiden – weniger weil ich um meine Sicherheit besorgt war, sondern mehr weil Dublin als blühende Stadt mit purpurrotem Backstein und sonnengelb leuchtenden Türen in meiner Erinnerung haften bleiben sollte.

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