Emotion, ich versteck dich (nicht)

Wir unterdrücken unsere Emotionen, manchmal aus Selbstschutz, manchmal zum Schutz anderer. Dabei steckt in den Tiefen der Sensibilität doch gerade der Mut, den wir brauchen, um Mauern einzureißen.

Ich sitze vor meinem Laptop am Küchentisch meiner WG, wo ich gerade einen jungen Künstler auf Youtube entdeckt habe. Er sitzt in einem provisorischem Studio mit seiner Gitarre, das Licht ist sehr kalt gehalten und seine Worte erreichen kaum das Mikro. Doch diese Stimme ist so voller Leidenschaft, die Töne so voller Ehrlichkeit, das ich nicht anders kann, als ein paar Tränen fließen zu lassen. Ich könnte meine Sensibilität auf meinen Zyklus schieben oder auf die Zwiebeln, die unberührt neben dem Herd stehen, doch zum ersten Mal wird mir bewusst, dass es vielleicht die Art der Kunst ist, zu der ich einen so intensiven Zugang gefunden habe, dass ich mir wie ein Verräter meiner selbst vorkommen würde, wenn ich mir selbst nicht den Raum ließe, den meine Emotion benötigt.

Ich verurteile mich nicht, wenn du es nicht tust

Also sitze ich da und weine mitten am Tag in unserer WG-Küche, ohne auch nur einmal einen Gedanken daran zu verschwenden, als schwach zu gelten. Die größte Herausforderung daran ist aber nicht, die Angst vor Verurteilungen anderer zu stoppen, sondern mir einzugestehen, dass ich diese Emotion aushalten kann. Dass ich etwas ausdrücken kann, was sich in mir verbirgt und den Mut habe, mich nicht einmal selbst dafür zu verurteilen.

Emotionen zu unterdrücken lernt man im Übergang vom Kindsein zum Teenageralter, wenn man seinen Willen nicht mehr mit hochrotem Gesicht durchsetzen kann oder es zu peinlich wird, auf offener Straße auf den Boden zu stampfen. In meinem Falle habe ich es leider zu gut gelernt – mein Gesicht kann stillhalten, wenn meine Seele nach Gerechtigkeit schreit und meine Augen können trocken bleiben, wenn mein Herz zerbricht. Weil ich stark sein kann, wenn ich es von mir selbst erwarte und wenn es mich davor schützt, aufgrund meiner Emotionen für anders gehalten zu werden. Umso wichtiger ist es für mich, dass ich mir selbst erlaube, emotional zu sein, wenn es die Wahrheit ist, die mein Körper nach außen vermitteln will. In diesen Momenten kann man ganz bei sich sein, ohne zu urteilen oder verurteilt zu werden.

Ich möchte keine Mauern einreißen, wenn du es nicht willst

 

Kürzlich erzählte mir ein Mann, den ich nur wenige Stunden zuvor kennen gelernt hatte, dass er noch nie mit Freunden über Emotionen wie Angst, Unsicherheit, Traurigkeit oder auch Glück und Liebe gesprochen hatte. Nicht, weil er Angst davor hätte, diese tiefen Gefühle zu zugeben, sondern weil es noch nie ein Thema war, weil es nie Platz für diese Themen gab. Gäbe es denn etwas wie Ehrlichkeit in eurer Freundschaft, fragte ich. Es sei schwer, das unter diesen Begriff zu packen, sagte er, aber wenn er diese Themen wirklich aussprechen müsste, wüsste er, dass seine Freunde zuhören würden, auch wenn sie dafür in Schrecken, Schmerzen oder Hilflosigkeit fielen.

Gerade das könnte ein Grund sein, wieso wir, selbst wenn wir keine Angst haben wegen unserer Emotionen verurteilt zu werden, sie trotzdem zurückhalten. Ich möchte andere nicht in die Tiefen meiner Sensibilität ziehen und ich möchte keine Mauern einreißen, solange ihre Schützen nicht bereit dafür sind. Ich schütze andere davor, sich ihrer eigenen Emotionalität zu stellen, indem ich meine eigene unerwähnt lasse. Gleichsam frage ich mich aber auch, ob ich anderen damit nicht auch die Möglichkeit nehme, die volle Wahrheit ihres Inneren nach außen zu stülpen – sei es auch nur in den seltensten Fällen.

Ich verdrücke noch immer ein paar wenige Tränen, als einer meiner Mitbewohner die Küche betritt. Verdrücken ist linguistisch jedoch sehr interessant, beschreibt es doch wieder, etwas unentdeckt zu machen oder etwas zu verstecken. Er schaut mich nur ratlos an, völlig unsicher steht er da und würde wohl am liebsten vor meiner Emotionalität davon laufen. Ich sehe, er ist noch nicht bereit dafür, daher mache ich einen Witz über die zyklische Hochsensibilität, die Frauen manchmal an den Tag legen. Er lächelt ein wenig und ich höre den großen Stein, der von seinem Herzen fällt.

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