Ein Freund/Neulich

Wir erzählen Freunden von Ängsten und Sorgen. Manchmal erzählen wir es auch Fremden. Wir erzählen jedoch kaum unseren Freunden von den Fremden.

Neulich traf ich mich mit einem Freund, den ich noch nicht allzu lange kannte. Es dauerte nicht lang bis wir auf seine Beziehung zu sprechen kamen, in der es gerade einige Probleme gab. Es war nicht das erste Mal, dass wir über seine Partnerin sprachen, die vorherigen Male ging es jedoch niemals um Differenzen. Dass er mir seine Ängste, die er in dieser Beziehung hatte, anvertraute, war ein Vertrauensbeweis für mich, der sich sogar noch fortsetzen sollte.

Nachdem wir die letzten Nachrichten seiner Freundin ausführlich analysiert hatten, wie das Freunde im 21. Jahrhundert halt so machen, ging es auch sehr schnell um sein eigenes Verhalten in der Partnerschaft. Er erzählte mir von seinem Kontrollzwang, der sich durch die Distanz, die die beiden gerade trennte, noch steigerte und den Szenarien, die in seinem Kopf ununterbrochen stattfanden und immer in seiner größten Angst endeten: Trennung.

Als er mir davon erzählte, sprach er auch gleichzeitig seine Sorge aus, dass er seine Ängste nicht mehr abstellen und keine normale Beziehung mehr führen könnte. Dies hatte ihn dazu veranlasst, einen Psychologen aufzusuchen. Unser Gespräch führten wir ganz normal weiter, er erzählte mir von der ersten Therapiestunde, was er daran gut fand und was ihn ungeduldig gemacht hatte. Er erzählte von der Sitzung, wie manche von ihrem Sonntagnachmittag sprechen würden. Und genau so sollte es sein.

„Und wusstest du, dass auch er/sie jetzt eine Therapie macht?“

Keiner sollte sich dafür schämen, Hilfe zu suchen, wenn man mit seinen eigenen Gedanken nicht mehr klar kommt. Keiner sollte in mehreren Anläufen all seinen Mut zusammennehmen müssen, um jemanden davon zu erzählen, dem man auch sonst alles anvertrauen würde. Keiner sollte über jemand anderen mit den Worten „Und wusstest du, dass auch er/sie jetzt eine Therapie macht?“ sprechen. Stattdessen sollte uns bewusst werden, dass dieser jemand professionelle Hilfe gesucht hatte, weil er mit etwas konfrontiert wurde, dass er alleine oder mit seinen engsten Vertrauten nicht mehr bewältigen konnte.

Schon längst wird für das Bewusstsein von psychischer Krankheit geworben. Das Thema darf in der Gesellschaft aber nicht nur dazu führen, dass man aufmerksamer gegenüber mentalem Verhalten wird. Wir müssen einen Schritt weiter gehen, damit aus der Frage, ob jemand professionelle Hilfe benötigt, später einmal eine sekundäre Antwort wird, die dies nicht mehr nur bejaht, sondern die Leichtigkeit besitzt, von dieser Hilfe oder dem Prozess zu erzählen. Sicherlich ist keiner dazu verpflichtet, dies wiederzugeben. Wenn ich jemandem Vertrauten nicht von meinem letzten Frauenarztbesuch erzählen möchte, ist das genauso meine Sache wie wenn jemand nicht von seiner Psychotherapie erzählen möchte. Der Schritt, vertrauten Personen davon zu erzählen, dass man professionelle Hilfe angenommen hat oder immer noch annimmt, sollte aber längst nicht so groß sein wie der Schritt, sich bei einer ausgebildeten, dafür aber fremden Person Hilfe zu suchen.

Ich empfand großen Respekt für meinen Freund, dass er eine wahrscheinlich nicht ganz so einfache Sache für ihn doch so einfach erzählen konnte und fragte mich, ob ich diesen Respekt auch empfinden würde, wenn er mir von einem anderen Arztbesuch erzählt hätte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s